Der Markt lügt

Der Markt lügt

Warum extreme Ungleichheit das zentrale Versprechen der Marktwirtschaft zerstört.

Der Markt, so lautet das Versprechen, verteilt Güter dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Knappheit treibt Preise, Preise lenken Ressourcen, Ressourcen fließen zum größten Bedarf. Elegant. Selbstregulierend. Gerecht. Doch dieses Versprechen enthält einen stillen Vorbehalt, der seinen gesamten Inhalt aushöhlt: Es gilt nur, wenn Kaufkraft annähernd gleich verteilt ist. Ist sie das nicht, lügt der Markt systematisch.

Das ist keine moralische Anklage, sondern eine technische Diagnose. Märkte reagieren auf Zahlungsbereitschaft – nicht auf Bedarf. Zahlungsbereitschaft aber ist keine menschliche Eigenschaft, sie ist eine Vermögenseigenschaft.

Was der Marktmechanismus also tatsächlich misst, ist nicht „wer braucht es mehr", sondern „wer hat mehr Geld".

„Der Privatjet gewinnt gegen den Kochtopf – nicht weil Luxus wichtiger ist als Grundversorgung, sondern weil Ungleichheitdie Preissignale korrumpiert."

Stellen wir uns eine Kraftstoffknappheit vor. In einer Gesellschaft mit halbwegs gleicher Vermögensverteilung würde der Preisanstieg tatsächlich abbilden, wer den Treibstoff am nötigsten braucht: die Pendlerin auf dem Land ohne Alternativen, der Handwerker ohne Auftragspuffer, die Familie mit dem alten Öl-Heizkessel. In einer hochgradig ungleichen Gesellschaft passiert das Gegenteil: Der Milliardär, dem Kerosin für seinen Privatjet ein paar tausend Euro mehr wert ist als einer armen Familie ein voller Tank, verdrängt den elementaren Bedarf durch schiere Kaufkraft. Der Markt „regelt" – nur eben das Falsche.

DAS VERBORGENE AXIOM

Effizienz setzt Gleichheit voraus

Die neoklassische Ökonomie kennt dieses Problem. Sie löst es, indem sie es unsichtbar macht. Das Modell der Pareto-Effizienz – der Markt verteilt optimal, wenn niemand bessergestellt werden kann, ohne jemanden schlechter zu stellen – nimmt die Anfangsverteilung der Ressourcen einfach als gegeben hin. Effizienz und Gerechtigkeit der Verteilung werden strikt getrennt. Das ist intellektuell ehrlich, politisch aber fatal:

Es bedeutet, dass das gesamte Lob der Markteffizienz auf einem Fundament ruht, das der Markt selbst nicht liefert und aktiv erodiert.

Amartya Sen hat diesen Widerspruch auf die Spitze getrieben: Ein Markt kann im technischen Sinne vollkommen effizient sein und gleichzeitig Menschen verhungern lassen – weil Hungernde keine Kaufkraft haben, sendet ihr Bedarf kein Preissignal. Der Markt registriert sie nicht. Sie existieren ökonomisch nicht. Effizienz und Humanität fallen auseinander, sobald die Verteilung extrem genug ist.

„Der Markt ist kein Instrument zur Bedarfsbefriedigung. Er ist ein Instrument zur Kaufkraftbefriedigung."

Das führt zu einer paradoxen Schlussfolgerung: Wer die Marktwirtschaft verteidigen will, muss für Umverteilung eintreten. Nicht trotz des Marktes, sondern seinetwegen. Denn der Markt funktioniert nur dann so, wie seine Apologeten behaupten, wenn die Grundbedingung – halbwegs gleiche Ausgangslage – erfüllt ist. Je stärker die Konzentration von Vermögen, desto mehr degeneriert der Markt vom Koordinationsmechanismus zum Verstärker des Bestehenden: Wer hat, bekommt. Wer nichts hat, sendet kein Signal.

Das ist keine Systemkritik von außen. Es ist die innere Logik des Systems, zu Ende gedacht.


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